Auf den Spuren des Sonnengottes


417 Tage trat Markus Diehl in die Pedalen seines Fahrrads.
Von Hamburg durch den Orient, über Indien, Malaysia bis nach Japan.
Er trotzte dem Regen ebenso, wie der Hitze.
Radelte gegen den inneren Widerstand,
um sein Bewußtsein zu erweitern und sich selbst zu finden.

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Von Christian Arzberger
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Auf dem Mount Fuji liegt Schnee.
Am Rande des Kraters hat sich ein junger Mann niedergelassen.
Den Anorak halb aufgeknüpft, blinzelt er in die Kamera.
Man spürt seinen Stolz, am Ziel angekommen zu sein.

Der Name des Jungen lautet: Markus Diehl.

Zwanzig Jahre später sitzt mir Markus in einem Café gegenüber.
Er lächelt, wirkt selbstzufrieden.
Fast wie auf dem Foto, daß ihn auf dem Gipfel des Mount Fuji zeigt.
Heute sagt er, daß man seine Ziele so hoch stecken sollte,
daß man sie nie erreicht.

Er legt seine Hände auf den Tisch.
Auf der Reise, durch die Wüsten im Iran und in Afghanistan,
waren sie mit Hornhaut überzogen.
Jetzt schmücken sie zwei silberne Ringe.

Den linken Ringfinger ziert ein Büffel,
den er aus Santa Fe, New Mexico mitgebracht hatte,
den rechten eine Wiedergeburt des Sonnengottes,
den ihm ein Inder in Madras, Süd-Indien
mit dem Spruch - " I love your art! " - geschenkt hatte.

" Beide Ringe markieren für mich die Spanne
  zwischen dem Westen und dem Osten. " ,

sagt Markus.

Als er vier Jahre alt wurde, zogen seine Eltern von Frankfurt am Main
nach Hamburg-Volksdorf. Er wuchs bei seiner Mutter
(einer Tochter des Prinzen Leopold von Coburg, Sachsen-Gotha) auf.
Nahe dem O-Park, und dem Bahnhof,
wo er sich später mit seinen Freunden trifft.

Auf der Wiese vor dem " Blu 2000 " ;
spielen sie Frisbee,
singen Lieder und lassen den ein oder anderen Joint kreisen.
Hier entsteht der Wunsch,
alles hinter sich zu lassen und auszusteigen.

" In den 70-ern träumten wir alle von einer Weltreise.
  Nur wenige trauten sich, ihren Traum zu verwirklichen. "

Mit zwanzig,
inspiriert von einem Schulfreund faßt Markus den Entschluß.
Während die anderen ihr Studium vorbereiten,
will er die Zeit nutzen,
und " überland " zum Mount Fuji,
dem Wahrzeichen Japans,
fahren.

4000 Mark nimmt er mit,
gewillt,
nur fürs Nötigste zu bezahlen.

Die Reise ist hart.
Im ersten Anlauf muß er nach drei Wochen aufgeben.
Ohne Gangschaltung ist die Fahrt der reinste Kraftakt!

Nach nur zwei Wochen startet er zum Zweitenmal.
Das Rad sponsert ihm eine Fahrradfabrik aus Remagen,
mit der Auflage,
er solle regelmäßig von seinen Abenteuern berichten.

Beim zweiten Versuch hält er durch.
Markus bereist den Iran, fährt durch Afghanistan und Pakistan.
Kurz nachdem er 1978 diese Länder durchquert hat,
kippt die politische Lage.
Im Iran und in Afghanistan drohen Kriege.

" Ich hatte verdammtes Glück,
  bin gerade noch so durchgerutscht " ,

sagt er.

Nach 417 Tagen erreicht Markus den Gipfel vom Fujijama.
Euphorie und Freiheit.
Seine Empfindungen überstürzen sich.
Das jede Vorstellungskraft sprengende Ziel ist erreicht,
es gibt keine Fortsetzung.

Vorher hatte er sich verschiedene Enden des Trips ausgemalt,
so auch sich mit dem Rad in den Krater zu stürzen.
Diese Fiktion wird zur Realität,
beim Steinesammeln bläst der Wind das Rad vom Rand in den Krater.

Nach dem Abstieg sieht er alles mit anderen Augen.
Er fühlt sich wie neugeboren.

" Ich bin, wie Ikarus, zu nah an die Sonne gekommen
  und die Flügel aus Wachs schmolzen. "

Als Markus aus Asien zurückkehrt,
spürt er die Veränderung.
Aus seinen revolutionären Freunden sind brave Studenten geworden.
Ihm wird bewußt,
daß er seine Erfahrungen mit Niemandem teilen kann.
Zu sehr sind die Anderen in ihren Alltag eingebunden.
Sie verstehen nicht,
wovon er erzählt.
Können nicht nachvollziehen,
was er erlebt hat.

Drei Jahre streift er Nacht für Nacht durch die Clubs.
Seine Erfahrungen kompensiert er in Sexualität.
Landet einen Aufriß nach dem Anderen.
Die Frauen fasziniert seine Geschichte,
ihn faszinieren die Frauen.

Die Geschichte schreibt er nieder.
" Diehl in Delhi " heißt sein Buch,
daß die Verlage ablehnen.
Das Buch biete zu wenig " Hintergrundinformationen " heißt es.

Markus, inzwischen 25 Jahre alt, beginnt,
Medizin zu studieren.

" Um mich breiter zu Fächern,
  wollte ich das Gegenteil von dem was ich kann machen,
  solange bis ich es kann,
  damit es sich dann mit dem was ich ursprünglich kann befruchtet
  und es einen Schub gibt,
  der mich weiter bringt,
  als wenn ich nur das gemacht hätte, was ich kann : Kunst. " -

Das Studium wird zum Desaster.
Markus fällt durchs Examen.
Einmal, zweimal, dreimal.
Ein Verfahrensfehler annulliert den dritten Versuch,
doch er spürt, daß die Luft raus ist.

Sein Interesse gilt jetzt voll und ganz der Kunst.
Mit Ute Lemper Stickern vom Müll klebt Markus 1987 sein erstes Bild.
Eine Collage,
er nennt diese Technik ART COLLÉ und sich ART COLLART.

Er finanziert seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs.
Durch Zufall findet Markus eine optimal gelegene Wohnung am Grindel,
die er zum Atelier umgestaltet.

Markus nennt sich seit 1999 - pop.ac - .
Ein Name der,
wenn man ihn ins Internet eingibt,
Zugang zu seinem künstlerisches Schaffen ermöglicht.

Für ihn ist dieser Name mehr,
als eine Domain.
Er ist seine neue Identität.

Auf die Frage,
welche Städte für ihn am meisten Bedeutung hätten,
antwortet er

" Hamburg, New York, Cyberspace. "

pop.ac plant,
seine Webseite für tausend Jahre im Voraus zu bezahlen.